Aerodynamik
  Überdruck und Unterdruck
  Der richtige Anstellwinkel
  Die turbulente Strömung
  Zusammenspiel von Vor- und Großsegel
  Der Anfahrtswirbel Teil 1
  Der Anfahrtswirbel Teil 2
  Der induzierte Wiederstand

    Aeordynamik Teil 1  
  Segler nennen allgemein die Öffnung zwischen Vor- und Großsegel „Düse“, weil angeblich in der trichterförmigen Verengung die anströmende Luft beschleunigt wird. Sie tritt demnach mit höherer Geschwindigkeit auf das Großsegel und bewirkt eine Zunahme des Vortriebs. Dies ist zwar einleuchtend aber falsch.

In Wirklichkeit wird die Luftmasse in der Verengung nicht, wie in einer wirklichen Düse, zusammengepreßt und dadurch beschleunigt, sondern gebremst und teilweise sogar gestaut: Die geringen Geschwindigkeiten segelnder Boote reichen zum Komprimieren der Luft nämlich bei weitem nicht aus. Und wäre der Spalt zwischen Groß- und Vorsegel wirklich eine Düse, würde man kaum am Wind segeln können.

Die Gründe hierfür lassen sich auch ohne Mathematik und aerodynamische Vorkenntnisse leicht erklären:

Da also die trichterförmige Verengung zwischen Groß und Vorsegel einen Teil der anströmenden Luft nicht durchläßt, muß diese Luftmasse ausweichen und das Hindernis irgendwie umgehen. Aber wohin?

Die einzige Möglichkeit ist der Weg nach vorn – und zwar über die Leeseite des Vorsegels: Dort herrscht ein wesentlich geringerer Druck, als auf der Luvseite beider Segel. Weil aber Luft, genauso wie Wasser, nicht bergauf fließen kann, ist sie gezwungen, talwärts zu strömen, zum Tief der Leeseite, in die sie regelrecht gesaugt wird.

Zu den Druckunterschieden zwischen der Luv- und Leeseite eines Segels kommt es durch die unterschiedlich hohen Geschwindigkeiten der umströmenden Luft. Werden Luftmassen über einer Fläche beschleunigt, entsteht in diesem Bereich Unterdruck, beim Abbremsen der Strömung dagegen Überdruck, so hat es bereits Bernoulli im 18. Jahrhundert herausgefunden.

Beschleunigt wird die Luftmasse immer dann, wenn das Profil des Segels zur allgemeinen Strömungsrichtung angestellt ist. Dann haben die der Krümmung folgenden Luftteilchen der Lee seite einen längeren Weg, als die Luft-teilchen der Luvseite zurückzulegen. Sie müssen sich „beeilen“, um mit der über die Luvseite fließenden Luft rechtzeitig am Achterliek anzukommen.

Sonst würde dort ein „Loch“ entstehen, das es in der Physik nicht geben kann. Der so erzeugte Unterdruck wird durch die zusätzliche, aus dem „Hoch“ des Spaltes beider Segel mit großer Geschwindigkeit angesaugten Luft wesentlich erhöht, da sie einen noch längeren Weg um das Profil zum Achterliek zurücklegen muß.

Warum folgt eigentlich die Luftmasse der Krümmung des Profils und fließt nicht einfach gradlinig weiter?

Der Grund ist ein weiteres Phänomen: das Vermögen von Fluiden wie Luft oder Wasser an umströmten Flächen zu haften und das Be-streben der Moleküle gleichzeitig aneinander festzuhalten. Diese als Zähigkeit oder Adhäsion bezeichnete Eigenschaft ist bei den meisten Flüssigkeiten sehr unterschiedlich. Sie ist das Maß der Leichtflüssigkeit eines Mediums. Sirup beispielsweise hat eine sehr hohe Zähigkeit, während das Fluidum Luft – physikalisch gesehen ist es „trockenes Wasser“ –, extrem leichtflüssig ist.

Zurück zum Segel:

Während der Anströmung bildet die Luft eine sehr dünne, nur Bruchteile eines Millimeters dünne Haftschicht, die das Profil wie eine Haut umgibt und die Strömungsgeschwindigkeit Null hat. Sie ist mit weiteren Luftschichten überlagert, die nach außen hin mit zunehm-ender Geschwindigkeit strömen, bis sie wieder so schnell wie die Außenströmung sind.
Diese flächennahe, durch die Zähigkeit beeinflußte Strömung bestimmter Dicke bezeichnet man als Reibungs- oder Grenzschicht. Sie bewirkt, daß auch nicht profilierte Flächen, wie beispielsweise eine in den Wind gehaltene Platte, Auftrieb bekommt, wenn sie mit einem bestimmten Winkel zur Strömung ange- stellt wird.

Genauso läßt sich die Tatsache erklären, warum man mit einem gleichmäßig profilierten, drehbar gelagerten Mast Vortrieb erzeugen kann. Durch den Anstellwinkel wird für die Luftströmung die Leeseite verlängert: Sie muß schneller strömen. Es entsteht Unterdruck und damit Vortrieb.